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Wachstum – wohin?

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst namens Wachstum. Jederzeit können wir von allen Parteien hören: das Wachstum soll gestärkt werden.

Unsere Volkswirtschaft soll wachsen, damit es uns allen besser geht – niemand stellt jedoch so unangenehme Fragen wie:

- Wohin wollen wir wachsen?

- Gibt es ein Ende des Wachstums?

 

- Welche Auswirkungen hat die Jagd nach dem immerwährenden Wachstum?

- Könnte es uns nicht auch ohne Wachstum gut gehen?

- Welche Arten an Wachstum gibt es?

Daß unserer Gesellschaft durch die scheinbar unaufhaltsame Überalterung eine natürliche Wachstumsgrenze innewohnt, wird von allen bundesweit agierenden Parteien verschwiegen. Das Verschweigen ist sogar fast verständlich; wer will schon dem Wähler die schlechte Nachricht überbringen, daß es endgültig Schluß ist mit dem permanenten Wohlstandszuwachs und damit zugleich das Hauptwahlargument preisgeben?

Schließlich wird der Überbringer schlechter Nachrichten spätestens bei Wahlen bestraft.

Wohlstandszuwachs ist für alle Parteien das Hauptargument, gerade sie zu wählen.

Dieses bundespolitische Thema betrifft uns direkt auch in der Kommunalpolitik.

Unmittelbar können wir den Wachstumswahn erkennen, wenn wir die Siedlungsränder unserer Gemeinden ansehen.

Dort, wo wir noch vor wenigen Jahren Felder und Wiesen mit Kühen gesehen haben, stehen jetzt Wohnhäuser oder Gewerbegebäude.

Auf unserer permanenten Jagd nach dem Wohlstandswachstum verbrauchen wir unsere Flächenreserven unwiederbringlich restlos auf.

Das Argument Neuansiedlung von Betrieben und damit neue Arbeitsplätze läßt fast alle Hemmungen fallen und wird zur Rechtfertigung für die Ausweisung von immer weiteren neuen Baugebieten, die z.T. nur noch unter größtem Aufwand zu bebauen sind.

Dieser Aufwand kann z. Bsp. wie beim Neubaugebiet „Stöck“ am Buchtzigsee ein sehr hoher technischer Aufwand sein, weil in ein Moorgebiet hineingebaut wird.

Dies kann aber auch ein hoher gesellschaftlicher Aufwand sein, weil seltene und dadurch wertvolle Grundstücke vernichtet werden und für unsere Kinder- und Enkelgenerationen nicht mehr vorhanden sein werden.

Unseren Nachkommen wird dadurch die Möglichkeit genommen, selber gestalterisch in die verbliebenen Reste ihre Heimatgemeinde einzugreifen – ob sie nun bauen wollen, oder naturnahe Wiesen belassen möchten.

 

Was wir heute verbrauchen, nehmen wir unseren Kindern weg und verhindern, daß diese sich nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln.

Wenn ein Grundstück einmal baulich erschlossen wurde, kann es nur unter sehr hohen finanziellen Anstrengungen wird renaturiert werden. Ein echter Rückbau ist aus Kostengründen tatsächlich fast ausgeschlossen.

Wir übergeben eine Hypothek an unsere Nachfahren – wie so oft, mit ungedecktem Scheck.

Hätten unsere Vorfahren ähnlich rücksichtslos die Grundstücke geplündert - wir könnten heute kein einziges Baugrundstück mehr ausweisen.

Wir müssen erkennen, daß uns der Lauf der eigenen Bevölkerungsentwicklung keine Chance gibt, noch markant zu wachsen. Wenn wir Glück haben, können wir es schaffen, mittelfristig eine Stabilisierung des aktuellen Zustandes zu erreichen.

Alles, was wir heute als Wirtschaftswachstum zu erkennen glauben, ist im Wesentlichen nur der Produktivitätsfortschritt in der Arbeitswelt bedingt durch technische Rationalisierung.

Unter diesem Aspekt spricht alle Vernunft gegen ein weiteres Flächenwachstum der Gemeinden.

Unsere Zukunft liegt vielmehr in der intelligenten Nutzung vorhandener, schon bebauter Gebiete und nicht in dem Ausweisen immer neuer Baugebiete. Ausnahmen können nur dort gemacht werden, wo in schon zum Teil erschlossenen Baugebieten noch Lücken aufgefüllt werden.

Der allerorts erhebliche Leerstand von innerstädtischen Immobilien ist doch ein deutlicher Fingerzeig, daß wir nicht immer wieder vom Siedlungsrand unserer Gemeinden etwas beanspruchen müssen; im Zentrum ist reichlich vorhanden.

Ganze Straßenzüge werden in Ettlingen in den nächsten Jahren hinsichtlich der Bewohnerzahlen um bis zu 20 % ausgedünnt, weil die heute darin lebenden Menschen u.a. altersbedingt ausziehen.

Wir müssen unsere Phantasie bemühen und Vorhandenes effektiv nutzen.

Natürlich hat der einzelne Bauherr den Wunsch, völlig individuell seine eigenen Pläne zu verwirklichen; die Verpflichtung für das Gemeinwohl setzt aber Grenzen, die schon bei der Planung zu beachten sind. 

Selbstdisziplin, Verantwortungsbewußtsein, Rücksichtnahme, Bescheidenheit und Demut im Hinblick auf unsere Umwelt sollten uns dringend Einhalt gebieten. Für unsere Bedürfnisse der Zukunftsgestaltung ist genug vorhanden; wir müssen das Bestehende nur sinnvoll und überlegt nutzen.

 

Wenn wir heute noch von Wachstum im Zusammenhang mit unseren Gemeinden reden, dann müssen wir begreifen, daß es nur noch um die Frage geht, welche Qualität wir bewahren und nicht, zu welchen neuen Ufern wir aufbrechen können.

Die demografische Wirklichkeit verbietet uns jede Träumerei in Richtung Mengenwachstum.

Der Standortfaktor Gemeinde wird inzwischen von der Qualität und nicht mehr von der Quantität bestimmt. Wachstum heißt heute die Qualität des Vorhandenen stärken und nicht einfach in die Quantität zu investieren.

Wenn in Ettlingen immer neue Baugebiete am Rande ausgewiesen werden und man dadurch den Kern vernachlässigt, wird im Bestand mehr verloren gehen, als mit viel Aufwand an Neuem geschaffen wird.

Man würde damit viel in den sprichwörtlichen Sand gesetzt haben – Arbeit, Geld und die Zukunft unserer Kinder!

Herbert Rebmann

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